Wie Hören unsere Sprache beeinflusst

Shownotes

Warum ist Hören viel mehr als nur das Verstehen von Worten? Yvonne, erfahrene Logopädin und Cochlear-Hörbegleiterin, spricht in dieser Folge von Besser Hören darüber, wie das Gehör unsere Sprachentwicklung prägt, und wie es sich nach einer Cochlea-Implantat neu vernetzen kann, um Klänge und Musik wiederzuentdecken.

Mit berührenden Geschichten aus ihrer Arbeit — von ersten Worten bis zu Gänsehaut-Momenten beim Hören vertrauter Lieder — macht Yvonne klar: Hören ist ein lebenslanger Lernprozess voller Emotionen, Überraschungen und vor allem Lachen.

Alle Äußerungen sind die Ansichten der Einzelpersonen. Um zu ermitteln, ob Produkte der Cochlear Technologie für Sie geeignet sind, wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt.

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00:00:00: Musik: [Intro-Musik]

00:00:05: Katharina Kiecksee: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge in unserem Podcast „Besser Hören". Heute, Jan, mit unserer Kollegin Yvonne Leonhard. Und wir haben über das Thema Logopädie gesprochen, denn Yvonne ist ausgebildete Logopädin.

00:00:18: Jan Krawitz: Genau, wir haben sehr viel gelernt über Logopädie, wo Logopädie hilft, wie das Ganze funktioniert, aber auch, welche Rolle die Logopädie eben in der CI-Nachsorge spielt.

00:00:28: Katharina Kiecksee: Und da hat uns Yvonne mit auf diese emotionale Reise genommen, auf der sie die Patienten dann auch begleitet. Über das Thema Musik haben wir dabei gesprochen, wie man den Einstieg in das Thema Hörtraining überhaupt findet und haben da spannende Einblicke gewinnen können.

00:00:44: Jan Krawitz: Und wir haben gelernt, dass in ihrem alten Arbeitsalltag als Logopädin, äh, es um so viel mehr ging als eigentlich nur um das Sprechen. Wenn man sonst an Logopädie denkt, denkt man an den Sprechapparat, an den Schluckapparat, aber es ist viel, viel mehr. Es geht auch sehr, sehr viel um das Hören oder auch fast eine ganzheitliche therapeutische Begleitung in der CI-Nachsorge.

00:01:06: Katharina Kiecksee: Und da würde ich sagen, hören wir direkt einmal in die Folge mit Yvonne rein.

00:01:10: Yvonne Leonhardt: Und man sagt auch, ähm, es gibt ein Fenster für die Entwicklung des Hörens. Das geht so von, ja, von Geburt an bis zum ungefähr siebten Lebensjahr. Da vernetzen sich ganz viele Bahnen im Gehirn und deshalb ist so eine frühzeitige Förderung und auch Therapie ganz, ganz wichtig. Ich hab dann, was die Musik angeht, oft so Hooklines vorgespielt, also den Chorus zum Beispiel, und das sind Gänsehautmomente gewesen. Also da sind mir dann auch die Tränen zum Teil gekommen, wenn dann jemand, ja, zum Beispiel sagt: „Ich, ich hör das, ich hör das. Moment." Ich vergleich es immer so ein bisschen wie eine neue Sprache lernen und zum Glück sind wir lernfähig bis ins Alter und, ähm, das hört nicht auf. Also rein, rein physiologisch gesehen kann man schon sagen, das meiste passiert so in den ersten zwei Jahren. Die Zeit sollten sich die Menschen auf jeden Fall geben.

00:02:10: Jan Krawitz: Herzlich willkommen, Yvonne. Schön, dass du heute bei uns bist in der aktuellen Podcast-Folge unseres Podcasts „Besser Hören". Wir freuen uns sehr, dass du gekommen bist. Wir wollen mit dir heute über das Thema Logopädie sprechen. Du bist mittlerweile eine Kollegin von uns bei Cochlear. Vor nicht allzu langer Zeit bist du zu uns ins Unternehmen gekommen, nimmst heute eine ganz andere Aufgabe wahr. Du bist Hörbegleiterin. Was sich hinter dieser Tätigkeit verbirgt, haben wir vor einigen Folgen erfahren, nämlich mit einer direkten Kollegin von dir. Das ist die Denise, mit der wir am 11. Dezember eine Folge aufgenommen haben. Das ist die Folge sechs unter dem Titel „Das Leben mit CI – Von den ersten Fragen bis zum besseren Hören". Da kann man dann ganz ausführlich erfahren, was, was dein Job heute ist, was du bei uns machst. Wir sprechen heute mit dir, weil du ja ausgebildete Logopädin bist und das schon seit sehr, sehr langer Zeit machst. Du hast, glaube ich, 1999 angefangen-

00:03:15: Yvonne Leonhardt: Richtig.

00:03:15: Jan Krawitz: -oder deine Ausbildung damals abgeschlossen und die Logopädie spielt bei der CI-Versorgung eine große Rolle. Das soll unser Thema heute sein.

00:03:26: Yvonne Leonhardt: Ja.

00:03:27: Jan Krawitz: Aber bevor wir einsteigen, vielleicht, wie, wie bist du eigentlich zur, zur Logopädie damals gekommen?

00:03:33: Yvonne Leonhardt: Ja, erst mal vielen Dank, dass ich da sein darf. Ich freue mich sehr darüber, bei euch zu sein und natürlich auch insgesamt bei Cochlear angekommen zu sein. Und da schließt sich natürlich auch der Kreis von der Logopädie zur Hörbegleitung. Wie ich Logopädin geworden bin, das ist eigentlich eine ganz kurze Geschichte. Ich hab 'ne gute Freundin gehabt oder es ist dann eine gute Freundin geworden. Bei der habe ich hospitiert und in der Praxis und auch in dem Klinikbereich zugeguckt, schon als Jugendliche. Und dann stand für mich relativ schnell fest, dass ich diesen Bereich gerne beruflich machen möchte. Als junge Frau war ich da sehr fixiert auf die Kindersprache, auf die kindlichen Therapien. Das hat sich dann im Laufe des Berufslebens auch noch mal deutlich verändert. Ich bin, ja, in meinem Beruf ganz klassischerweise, natürlich habe ich kindliche Sprachstörungen behandelt, aber dann auch zunehmend mehr Jugendliche oder auch Erwachsene mit Mundtumorerkrankungen nach Schlaganfällen und dann natürlich auch Erwachsene und Kinder, die ein CI bekommen haben. Die habe ich dann im Hörtraining behandelt.

00:04:48: Jan Krawitz: Vielleicht kannst du uns noch mal so ein bisschen für diejenigen Zuhörer, denen Logopädie vielleicht nicht so ein Begriff ist oder die nur am Rande bisher von Logopädie gehört haben: Was macht Logopädie, wenn es nicht mit einem CI zu tun hat? Das heißt, die klassischen Logopäden, was, was behandeln die, wo unterstützen sie therapeutisch?

00:05:08: Yvonne Leonhardt: Mhm. Also das Feld der Logopädie ist ein Riesen-, Riesengebiet und die meisten meiner KollegInnen spezial-spezialisieren sich auch langfristig auf bestimmte Bereiche. Wir können mit Neugeborenen arbeiten. Da geht es dann schon los mit Fütterstörungen, mit Schluckstörungen, auch neurologische Störungen natürlich. Dann ein ganz, ganz großer, breiter, wichtiger Bereich sind die kindlichen Sprachstörungen. Also wenn Kinder Verzögerungen haben in ihrer Sprachentwicklung, nicht so in den Sprachfluss kommen, also den Wortschatz nicht entwickeln oder Laute vertauschen. Das ist ja ein ganz klassischer Fall. Ich gehe in den Tinderdaten, ne, wenn T und K verwechselt wird oder auch die Zischlaute haben wir ganz viel. Das sind relativ, ja, Störungen, die häufig auftreten und die sehr leicht zu behandeln sind. Dann gibt es einen Übergang zu Lese-Rechtschreibstörungen, weil auch Lesen, Schreiben letztendlich nichts anderes als Sprache ist. Und wenn ich schon beim Sprechen auffällig bin und beim Hören, dann setzt sich das oft auch fort. Deswegen ist es wichtig, dass man sehr, sehr früh ansetzt bei der Förderung. Genau, auditive Wahrnehmungsstörungen spielen auch in der kindlichen Entwicklung eine große Rolle. Die, daraus entwickeln sich dann halt so was wie Lese-Rechtschreibstörungen, wenn die nicht behandelt werden. Dann geht es weiter mit Schluckstörungen, auch bei Jugendlichen ganz viel, die ein sogenanntes interdentales Schluckmuster haben, also mit der Zunge gegen die Zähne drücken. Das sind dann eher so kieferorthopädische Auffälligkeiten, die aber sehr wichtig zu behandeln sind, weil daraus können Kieferdeformitäten entstehen, die dann langfristig auch zu, ja, Schwierigkeiten führen in der Halswirbelsäule, die zu Kopfschmerzen führen können, was sich dann immer weiter fortzieht im Erwachsenenalter. Das ist auch ein Riesenbereich. Und dann natürlich, was Erwachsene angeht, haben wir Stimmstörungen und neurologische Störungen. Das ist auch ein sehr, sehr breites, weites Feld.

00:07:19: Katharina Kiecksee: Es kommen dann also viele Leute zu dir aus unterschiedlichen Altersgruppen mit unterschiedlichen Vorgeschichten und nicht alle haben dann direkt nur mit einem Hörverlust oder einem beeinträchtigen Hören zu tun, aber diese Leute kommen natürlich auch zu dir. Wie groß ist der Einfluss von Hören dann auf, auf die Sprachentwicklung?

00:07:41: Yvonne Leonhardt: Der Einfluss von Hören auf die Sprachentwicklung ist natürlich immens. Also das Kind hört ja schon im Mutterleib und da geht es schon los. Da entwickelt sich schon auch ganz viel im Gehirn und sobald wir dann auf der Welt sind, kommen natürlich die ganzen akustischen Einflüsse noch mal viel intensiver an. Und deshalb gibt es zum Glück ja auch die Neugeborenen-Screenings, dass früh geguckt wird, ist denn das Hörvermögen in Ordnung? Denn darauf basiert alles. Und man sagt auch, es gibt ein Fenster für die Entwicklung des Hörens. Das geht so von, ja, von Geburt an bis zum ungefähr siebten Lebensjahr. Da vernetzen sich ganz viele Bahnen im Gehirn und deshalb ist so eine frühzeitige Förderung und auch Therapie ganz, ganz wichtig.

00:08:29: Jan Krawitz: Das heißt, was würde mit der Sprache passieren, wenn das Hören nicht richtig funktioniert in den ersten Jahren oder vielleicht sogar gar nicht? Wie, wie würde die Sprache sich dann entwickeln?

00:08:43: Yvonne Leonhardt: Sehr, also die Lautsprache würde sich sehr schwierig, sehr schlecht entwickeln. Wir haben natürlich auch bei Gehörlosen, haben wir auch Gebärdensprachen, das wissen wir ja alle und das funktioniert ganz gut. Das, die Schwierigkeit, die ich halt sehe, ist, dass der größte Teil der Bevölkerung halt nicht gebärden kann. Und insofern bleibt dann auch die, man nennt es ja auch die Community der Gehörlosen, so ein bisschen auf sich oder für sich. Und ich halte es für ganz, ganz wichtig, ganz früh, ja, zu beginnen und auch eigentlich alternativlos bei einem Kind, das gehörlos geboren wird, dass man da mit einem CI versorgt, damit das Kind die Chance hat, in die Lautsprache zu kommen und kann dann ja im besten Fall zweisprachig aufwachsen, also über Lautsprache und Gebärden und sich dann ja auch vielleicht entscheiden, was es lieber machen möchte. Aber die Chance sollte meiner Meinung nach gegeben sein, weil man kann es nicht nachholen.

00:09:44: Jan Krawitz: Ja, neben den taub geborenen Kindern haben wir es ja auch mit Kindern zu tun, die in späteren Jahren von Hörverlust betroffen sind und Erwachsene typischerweise mit einem schleichenden Hörverlust konfrontiert sind. Welche Auswirkungen hat das auf Sprache, wenn langsam nach und nach das Gehör schlechter wird?

00:10:05: Yvonne Leonhardt: Mhm. Ja, wir unterscheiden halt zwischen prälingual und postlingual. Also alles, was vorher ist, wie ich gerade sagte, also prälingual, die Ertaubung und postlingual, ist dann schwierig aufzuholen. Aber wenn erst mal im Gehirn, sage ich mal, die, die Map angelegt ist für Sprache, wenn Buchstaben sich dort differenziert haben, Grammatik, Semantik, dann ist das was, auf das der Mensch immer wieder zurückgreifen kann. Und dieser Hörverlust, unter dem wir ja alle physiologisch betroffen sind, ab Mitte zwanzig sterben schon die ersten Haarzellen ab. Oft ist es schleichend. Wir bemerken es halt gar nicht, dass dann irgendwie die Frequenzen, gerade die hohen Frequenzen, immer mehr abnehmen. Dann sind die erst mal weg, aber man kann sie halt durch eine Verstärkung auch ganz gut wiederfinden, weil die halt schon angelegt sind.

00:11:03: Jan Krawitz: Mhm. Bevor wir gleich in alle Einzelheiten noch zum Thema CI-Nachsorge und Logopädie einsteigen, lass uns mal ein bisschen was über dich erfahren. Du bist sehr, sehr lange tätig gewesen als Logopädin in Wolfsburg. Du bist Wolfsburgerin, lebst dort bis heute noch. Was, was machst du, wenn du nicht als Logopädin damals tätig gewesen bist oder heute in, in der Cochlea-Implantat-Beratung?

00:11:30: Yvonne Leonhardt: Ja, also zunächst bin ich auch Mutter von drei Kindern, die mittlerweile erwachsen sind. Deswegen habe ich auch diesen Schritt nach Hannover gemacht, werde sicherlich auch bald Hannoveranerin werden. Und an dieser Stelle freue ich mich auch total, dass ich zum Beispiel meine älteste Tochter anstecken konnte mit der Begeisterung für die Cochlea-Implantate. Die ist ja mittlerweile auch bei uns bei Cochlea als Studentin tätig, schreibt ihre Bachelorarbeit über diesen Bereich in der Medizintechnik. Das freut mich natürlich sehr, sehr. Und die Kinder haben einen großen oder die Familie hat natürlich einen ganz großen- Umfang eingenommen in meinem Leben. Und aber auch privat bin ich sehr sportlich unterwegs. Ich liebe Musik, deswegen habe ich auch im Laufe meiner Tätigkeit dann auch noch die Ausbildung zur Musik- und Klangtherapeutin mit absolviert, was auch für das Hörtraining nachher natürlich ein ganz großer Gewinn war.

00:12:27: Jan Krawitz: Du hast uns auch verraten, dass das Thema Musik als Hobby bei dir in, in deinem Leben auch einen sehr, sehr großen und sehr langen Zeitraum in Anspruch genommen hat. Was, was verbirgt sich dahinter?

00:12:38: Yvonne Leonhardt: Ja, das stimmt. Da leuchten auch gleich die Augen. Ja, ich durfte eine Zeit lang auch in einer Rockband singen. Das ist alles so ein bisschen zufällig zustande gekommen, aber das sind ja oft die schönsten Momente im Leben, wenn so Dinge passieren, mit denen man nicht rechnet. Und da habe ich mich wirklich auch auf der Bühne austoben können und tolle Erfahrungen gemacht. Und ja, auch die Erfahrung gemacht, dass natürlich das fürs Gehör nicht unbedingt auch zuträglich ist, weshalb ich das dann auch nicht so lange durchgeführt habe. Ich stand dann vor der Entscheidung für mich selber, dass ich als Logopädin und Hörtrainerin einfach auch ein super gutes Gehör brauche und das hat halt trotz aller Vorsichtsmaßnahmen schon auch ein bisschen gelitten, weil Rockmusik ist halt auch wirklich sehr laut.

00:13:27: Jan Krawitz: Wie, wie erging es deinen Bandkollegen in Bezug auf das Thema? Du selber warst Sängerin, hattest aber viele Musiker im Hintergrund. Wie stand es deren Gehör?

00:13:37: Yvonne Leonhardt: Das war eigentlich damals nicht Thema. Also ich habe da nicht missioniert in dem Bereich. In dem Moment waren wir halt alle Rocker und jeder hat dann auch sein Amp so laut gedreht, wie es ging. Und ich weiß aber, dass alle auch Schwierigkeiten haben, je älter man wird und man sieht es ja auch bei prominenten Musikern oft. Phil Collins ist da auch so ein gutes Beispiel als Schlagzeuger und auch ehemals Sänger, der große Hörprobleme hat. Man ist auf der Bühne in so einem Flow und kriegt es auch gar nicht mit. Aber ich bin dann nach so einem Gig auch nach Hause gefahren und habe gedacht, ich stehe in einem schalldichten Raum, in dem irgendwelche Düsen brausen und das war wie so ein Kessel in meinem Gehör und das hat dann auch immer vierundzwanzig Stunden gebraucht, bis das Gefühl nachgelassen hat. Und leider ist halt auch ein leichter Tinnitus zurückgeblieben.

00:14:27: Katharina Kiecksee: Aber das Gefühl, was du eben beschrieben hast, das kennen sicherlich auch viele, äh, Konzertgänger, nicht nur, wenn man aktiv auf der Bühne steht, wenn man doch vielleicht zu nah an der Bühne oder an den Boxen stand, dass man da doch das im Nachgang auch noch merkt. Wir fragen unsere Gäste ja auch mal nach einem Lieblingsgeräusch.

00:14:43: Yvonne Leonhardt: Mhm.

00:14:43: Katharina Kiecksee: Und da würde ich jetzt auch gerne mal mit euch gemeinsam reinhören. [Klangschalen] Yvonne, was haben wir hier gerade gehört?

00:15:03: Yvonne Leonhardt: Ja, das war eine Auswahl von Klangschalen. Ich kann auch laut und wild, aber ich kann auch schön ruhig und, ja, bedacht sein. Und diese Klangschalen, die gehören natürlich zur Musik- und Klangtherapie dazu. Und es ist schade, dass man das eigentlich durchs Mikrofon gar nicht wahrnehmen kann, dass das natürlich nicht nur Töne sind, sondern auch Vibrationen, die sich im Körper fortsetzen. Das ist auch wunderbar bei gehörlosen Menschen, die dann irgendwann den Ton nicht mehr wahrnehmen können, aber die Vi-die Vibration zum Beispiel auf dem Bauch oder am Bein noch wahrnehmen können.

00:15:42: Katharina Kiecksee: Und dann hast du die Musik- und Klangtherapie in deiner Tätigkeit als Logopädin dann auch verknüpft. Wie, wie hoch war der Stellenwert denn für deine Patienten in Bezug auf Musik? Wie wichtig ist denen das Musikhören oder Wahrnehmen von Musik?

00:15:57: Yvonne Leonhardt: Mhm. Das ist sehr unterschiedlich von Mensch zu Mensch. Also da muss man jetzt fast ein bisschen weiter ausholen, weil Musikhören ja so ein großes Thema auch ist. Und für mich persönlich wäre das auch ein ganz, ganz großes, wichtiges Thema, weiterhin Musik hören zu können. Man muss aber einfach auch ganz klar sagen, dass die Technik eines CIs grundsätzlich mal dafür ausgelegt ist, dass man Sprache wieder verstehen kann. Und das ist auch total wichtig und gut. Und wenn man das Gehör verliert, dann ist das wie andere Dinge, die man auch im Leben verlieren kann. Das tut erst mal weh und das ist auch ein Verarbeitungsprozess und auch der hat natürlich immer Raum gehabt in der Therapie, auch zu betrauern, was man verloren hat. Und aber auch den Gewinn zu sehen, was es bringt, wieder an Gesprächen teilnehmen zu können und wieder Dinge zu verstehen, die man lange, lange Jahre nicht verstanden hat. Und es ist sehr, sehr individu-- Also ein Mensch, sage ich mal, mittleren Alters, der von einer Nacht auf die andere durch einen Hörsturz das Gehör verliert, der steht erst mal unter einem riesigen Schock und der hat dann meistens noch ein gut hörendes Ohr und er hat natürlich immer den Vergleich: Wie klingt es auf dem normal hörenden Ohr und wie ist es jetzt dann mit einer Hörhilfe? Und die Hörhilfe ist und bleibt eine Hörhilfe. Es ist super, super, dass wir sie haben, aber man muss wirklich sich darüber klar sein, dass es ähnlich wie eine künstliche Hüfte oder ein künstliches Knie – Katharina, wir sind beide Läuferinnen –, dass es halt eine Prothese ist. Und ich soll auf gar keinen Fall aufhören, mit einer Prothese zu laufen, wenn mir das gut tut. Ich muss aber vielleicht meine Ziele etwas niedriger erst mal setzen. Da kann man natürlich jetzt, äh, verzweifeln und traurig sein, aber auch das ist individuell: Wie gehe ich heran? Ich kann auch dankbar sein, dass ich wieder laufen kann. Und so ist es mit dem Gehör ähnlich. Man kann mit viel, viel Übung und Geduld und wenn man vorher schon ein musikalischer Mensch war und wir sprachen vorhin von der Entwicklung auch im Gehirn. Also wenn ich schon was im Gehirn abgelegt habe, eine Landkarte über Musik, über Töne, über Partituren, dann sind die ja da. Die sind vielleicht überwuchert, auch wenn ich lange, lange nicht hören kann – das ist dieser andere Fall, jetzt im Gegensatz zu einem plötzlichen Hörsturz –, dann kann ich das ja wieder so ein bisschen freigraben. Es ist ja da. Deswegen habe ich auch mit den Klienten, Patienten auch immer in Dinge reingehört, die ihnen vertraut waren, was die Musik angeht. Es macht keinen Sinn, irgendwas Neues zu hören aus den Charts, sondern diese Landkarten wiederzuentdecken oder diese Pfade im Gehirn, ist es total wichtig, was zu hören, was man kennt, was man mitsingen konnte, was man, bei dem die Melodie total geläufig ist, weil das Gehirn ist das Wunderwerk dabei. Das Gehirn ist plastisch und kann dann aus dem, was ankommt, ein Bild erstellen. Also ich habe auch viel mit Bildern gearbeitet, ähnlich, als würde ich in die Wolken schauen und ich sage zu dir: „Jan, Mensch, schau mal da. Siehst du nicht, das ist doch ein Dinosaurier da oben.“ Und sobald ich dir dieses Wort in den Kopf pflanze, wirst du in der Wolke auch einen Dinosaurier erkennen, weil du eine Idee davon bekommst. Und so ähnlich ist das dann auch beim Musikhören. So habe ich es erlebt. Wie gesagt, das ist sehr individuell. Wir können das auch nicht imitieren, wie sich das anhört. Wir können nur von den Berichten der Menschen halt das so ein bisschen ableiten. Und ich habe dann, was die Musik angeht, oft so Hooklines vorgespielt, also den Chorus zum Beispiel, und das sind Gänsehautmomente gewesen. Also da sind mir dann auch die Tränen zum Teil gekommen, wenn dann jemand, ja, zum Beispiel sagt: „ Ich, ich höre das. Ich höre das. Moment. Mamma Mia, here I go again.“ Das, wenn das auf einmal wieder ankam oder ich gucke auch, was ist das für ein Mensch? Was könnte der an Musik mögen oder hören? Ja, es gab einen Titel, den hat jeder erkannt. Jeder. Habt ihr eine Idee, was das sein könnte?

00:20:26: Jan Krawitz: Keine Ahnung.

00:20:26: Katharina Kiecksee: Keine Ahnung. Ich auch nicht.

00:20:28: Yvonne Leonhardt: Immer wenn ich angemacht habe: [singt] „Atemlos durch die Nacht“, das hat jeder erkannt. Ja, dann habe ich aber auch schon ... Also es ist auch wichtig, so wichtig zu lachen, ja, alles auch wirklich mit Humor zu nehmen, dass dann auch gesagt wird: „Okay, Helene Fischer hört sich ein bisschen an wie Rammstein“, ist dann auch mal eine schöne Variation. Ja.

00:20:50: Katharina Kiecksee: Das sind dann auch immer, so hört es sich an, sehr emotionale Sitzungen auch zum Teil. Wie lange begleitest du dann deine Patienten so im Schnitt? Das ist ja nicht sehr individuell, aber schon ...

00:21:01: Yvonne Leonhardt: Ja, also viele kommen wieder, sind Wiederholungstäter, ne. Es ist nach der Implantation gibt es ja erst mal eine ganz intensive Reha-Phase. Da ist dann oft auch die Klinik noch mit im Spiel. Da gibt es ja Anpassungstermine, auch Logopädie-Termine. Oftmals sind dann die Patienten auch erst mal an diesen Ablauf gebunden, was ja auch Sinn macht. Manchmal können sie trotzdem auch noch über ein Rezept für die Logopädie zusätzlich zur Logopädie kommen. Wie gesagt, manchmal geht das parallel, manchmal geht das erst vielleicht nach einem Jahr, wenn diese erste Reha-Phase abgeschlossen ist. Und die Logopädie hat natürlich den Vorteil, dass die Menschen einmal die Woche kommen können. Das ist ungleich intensiver und effektiver und das ist schon eine ganz tolle Arbeit. Und wie gesagt, da ist dann auch viel Raum und Zeit für alles Mögliche. Nicht nur, ja, Wortlisten durchzugehen oder Texte durchzugehen, sondern auch mal sich Geräuschen zu widmen, sich Musik zu widmen, einfach mal auch nur Gespräche zu führen, um diese ganzen Prozesse auch zu verstehen. Also oft ist es sehr, sehr wichtig gewesen, auch zu erklären, was passiert denn im Gehirn beim Hören, wie mit diesen Landkarten zum Beispiel auch, oder auch mal zu sagen, w-wie es denn bei mir funktioniert oder bei sogenannten Normalhörenden, weil oft sind die Menschen so angespannt und so kritisch mit sich selber, dass sie eigentlich vergessen, dass auch Normalhörende nicht immer tausend Prozent zuhören können und auch nicht verstehen. Wir kennen das ja alle, ob es nun Songverhörer sind oder ich höre nicht, mal nicht ganz zu, was du mir sagst, krieg die Kurve aber, weil ich dir es aus dem Kontext dann irgendwie noch retten kann. Das ist eine ganz normale Gehirnfunktion. Sonst wären wir ja vierundzwanzig Stunden irgendwie komplett angeschaltet und das würde das Gehirn gar nicht schaffen. Und einfach zu sagen, das ist normal und das dürfen sie auch und sie sind nicht döfer oder sie müssen auch nicht mehr üben. Wie oft habe ich das gehört: „Oh, ich muss viel mehr üben. Ich, ich bin ein, ich geb, ich gebe zu, ich mache das nicht genug und deswegen kann ich das nicht so gut“, da auch diesen Druck absolut rauszunehmen. Und ganz wichtig, vor allen Dingen auch die Angehörigen aufzuklären, da den Druck rauszunehmen, weil da auch ein bisschen der Irrglaube immer noch durch die Gegend geistert, dass ein CI ein, ja, ein Implantat ist, mit dem der Mensch wie so ein Cyborg dann vielleicht tausend Prozent hört, also besser als der Rest der Bevölkerung, vielleicht noch die Flöhe pupsen hört. Und das ist natürlich nicht der Fall. Also auch da für Verständnis zu schaffen, dass es ein, immer noch ein schweres Hören ist und dass das auch anstrengend sein kann, dass der Mensch dann irgendwann auch mal gar nicht mehr hören möchte und das Ding auch mal abnimmt und das auch- Auch Kopfschmerzen entstehen können dadurch. Also es ist auch für Arbeitgeber sehr, sehr wichtig. Ich habe dann irgendwann auch so eine Art Infozettel mitgegeben, dass dann auch die Angehörigen, die haben dann meistens doch noch mehr Verständnis, aber auch Arbeitskollegen, das wirklich verstehen, weil im Gegensatz zu einer Beinprothese sieht man es ja einfach oft nicht, dass jemand nicht gut hört und das ist eigentlich fatal. Eigentlich müsste man da auch sehr viel offener mit umgehen, weil viele Hörgeschädigte wünschen sich natürlich verständlichermaßen, ja, Rücksichtnahme und Verständnis für ihre Situation. Aber ich sprach gerade vom Gehirn, wie schnell man was vergisst und auch nicht so aufmerksam ist. Die Leute vergessen es. Sie sehen es halt nicht, dass das Gegenüber nicht gut hört und reden schnell oder gucken in eine andere Richtung und dann ist es natürlich gleich sehr, sehr schwer für den Hörgeschädigten.

00:25:08: Jan Krawitz: Ja. Was würdest du sagen, welche Rolle nimmt die Logopädie in der gesamten CI-Versorgung ein? Wir haben ja gelernt, das ist ein relativ langer, großer Prozess. In anderen Folgen haben wir auch schon viel darüber gesprochen. Ci-Versorgung ist mehr als nur Operation oder die Technik. Es gibt Voruntersuchungen, die Menschen müssen geeignet dafür sein, setzen sich selber damit viel auseinander. Das ist der Job, dem du heute nachgehst. Du leitest ja diese Menschen, die noch vor der Entscheidung stehen. Da passiert ganz, ganz viel. Wir haben aber auch schon gelernt, dass die Nachsorge eine ganz, ganz große Rolle spielt. Also ein sehr großer, sehr umfangreicher Weg. Es ist nicht wie bei einem Hörgerät. Du bekommst es, schaltest es ein und dann wird es vielleicht noch ein wenig angepasst und das war es dann. Welchen Stellenwert hat Logopädie in dieser großen Gesamtversorgung aus deiner Sicht?

00:26:05: Yvonne Leonhardt: Einen sehr, sehr großen. Also ob du es jetzt Logopädie nennst oder auch Hörtraining nennst. Es gibt ja auch Hörtherapeuten, die halt darauf sich nur spezialisiert haben, also nur in Anführungsstrichen, sich darauf konzentrieren. Und da sprichst du was ganz Wichtiges an. Die Menschen setzen sich sehr mit der Operation auseinander, was ja total nachvollziehbar ist. Es ist halt ein Eingriff. Da nehme ich aber den Menschen immer auch sehr schnell diese Angst, weil es ist ein Eingriff, aber wir wissen, es ist mittlerweile ein Routineeingriff im Grunde genommen in unseren spezialisierten CI-Kliniken. Und ich sage dann auch, die Arbeit beginnt eigentlich nach der Operation. Da sind sie gefragt und das nimmt einen großen Umfang erst mal ein. Also auch die Bereitschaft, sich darauf einzulassen, neu lernen zu wollen, sich selber halt nicht unter Druck zu setzen, die Geduld zu haben, dran zu bleiben, nicht aufzugeben, das nimmt einen ganz, ganz großen Umfang ein. Trotzdem kann es auch sein, dass jemand relativ schnell mit dem CI super gut versteht. Auch das habe ich schon erlebt. Da kommt dann ein Rezept à zehn Stunden und das war es. Das ist natürlich großartig. Es gibt da aber auch Menschen, die mehrere Rezepte brauchen, die dann einfach auch mal eine Pause machen, die später noch mal wiederkommen mit neuen Schwerpunkten, die sie setzen wollen. Und im Grunde genommen ist es ja eine lebenslange Lerngeschichte. Ich vergleiche es immer so ein bisschen wie eine neue Sprache lernen und zum Glück sind wir lernfähig bis ins Alter und das hört nicht auf. Also rein physiologisch gesehen kann man schon sagen, das meiste passiert so in den ersten zwei Jahren. Die Zeit sollten sich die Menschen auf jeden Fall geben. In der Zeit finden ja auch immer noch Anpassungstermine statt. Also das CI wird immer feiner, nenne ich es mal, eingestellt auf die Hörbedürfnisse des Menschen. Und dann passiert auch bei den Einstellungen ja nicht mehr so großartig viel, weil auch derjenige einfach so seine Einstellung gefunden hat und dann passt es im Grunde genommen auch schon gut mit dem Hören.

00:28:30: Jan Krawitz: Ja. Wir erhalten ja auch immer Fragen von Zuhörern und uns hat Ulrike geschrieben, sie ist achtundfünfzig und fragt für ihren Mann, der steht jetzt kurz vor der Versorgung mit einem Cochlea-Implantat und sie fragt: „Muss er eigentlich anschließend Logopädie machen oder ist das eher ein optionales Angebot?

00:28:52: Yvonne Leonhardt: Ja, also das muss natürlich niemand machen. Nach der Operation, also wenn man in diesen Reha-Bereich, in die Anpassung kommt, da hat man automatisch natürlich auch Termine mit Logopäden oder Hörtherapeuten und die sollte man auch wahrnehmen, um einfach immer noch mehr Informationen zu bekommen, was man auch zu Hause einfach alleine machen kann. Weil ich finde es für mich persönlich, fände ich es wichtig, einfach zu wissen, was kann ich alles tun? Was gibt es für Übungsmaterialien? Ja, das würde ich auf jeden Fall mitnehmen. Ich glaube, da verweigert sich auch keiner. Aber nachher zwangsläufig unbedingt zum Logopäden gehen zu müssen, muss natürlich niemand. Da wird keiner gezwungen.

00:29:41: Katharina Kiecksee: Jetzt haben wir die Frage ja von einer Angehörigen erhalten: Wie sieht es denn aus in der Therapie? Kommen auch öfter die Angehörigen mit in die Sitzung oder kommt der Patient meistens alleine?

00:29:51: Yvonne Leonhardt: Das ist auch unterschiedlich. Ich habe gerade bei älteren Herrschaften oft auch den Partner immer mit dabei gehabt, was in Ordnung ist. Die jüngeren Leute kommen eigentlich alleine. Und ja, man muss auch immer schauen. Also auch das mit dem Üben ist so eine Sache. Ich sagte ja gerade, man kann auch einfach viel alleine üben, selbstverständlich. Da sind dann auch eher die Leute, die jüngeren Leute oder mittleren Alters, die dann ganz viel auch mit, ja, Podcasts üben oder mit Hörprogrammen üben oder überhaupt auch dieser ganze Bereich des Wireless Streaming nutzen. Also jeglicher Input, der einfach kommt, ist gut. Und bei älteren Leuten ist es dann oft auch eher die Papierform: „Haben Sie denn was zu üben? Können Sie mir Hausaufgaben geben? Das mache ich dann auch gerne. Das muss aber einfach auch passen, weil da soll kein Ehestreit draus entstehen, weil das war dann auch oft der Fall, dass dann, ja, der Ehemann, ja, aber der spricht nicht so deutlich und da verstehe ich ja nichts und dann, ja, hat das aber auch gar keinen Sinn. Dann, dann üben Sie lieber mit einer Freundin oder mit dem Enkelkind. Oder also, wie ich vorhin sagte, das Lernen muss einfach auch stressbefreit sein und Spaß machen. Das wissen wir alle. Wenn wir was Neues lernen und im Flow sind und Spaß haben, dann ist es recht mühelos und so läuft es immer am besten.

00:31:19: Katharina Kiecksee: Wir haben passend dazu auch noch eine Frage, wo du eben auch gerade Übung ansprachst, die man auch alleine machen kann, und zwar von unserem Hörer Hans. Der ist zweiundsiebzig und hat eben gehört, dass Hörtrainings oder Hörtraining immer über Hörbücher gut stattfinden kann. Und jetzt fragt er sich: „Stimmt das erst mal? Und dann auch eine ganz konkrete Frage: Welches Hörbuch empfiehlst du da?

00:31:41: Yvonne Leonhardt: Sehr schön. Ja, müsste ich mich mal mit Verlagen in, in Verbindung setzen. Das ist, glaube ich, so der Geheimtipp, den man immer mitbekommt und der ist ja auch nicht falsch, sage ich mal so. Ich würde das aber einfach noch mal ein bisschen breiter auffächern, denn wenn jemand mit dem CI anfangs wirklich noch nicht so gut hören kann und sich dann ein Hörbuch besorgt, das, weiß ich nicht, zehn Stunden geht, dann ist der nach ein, zwei Minuten schon so was von frustriert, weil halt nicht alles ankommt, dass er dieses Hörbuch nie im Leben hören wird und dann auch schon anfängt, an sich zu zweifeln. Das ist das Fatale ja überhaupt. Ne, Mensch, Hörbuch soll man hören und ich kann das nicht. Wahrscheinlich kann ich das nur nicht. Und wieder der Vergleich zum Sprache lernen. Wenn jetzt einer Spanisch lernt, der wird sich auch nicht sofort ein spanisches Hörbuch anhören. Der wird auch erst mal mit einzelnen Wörtern oder Sätzen beginnen. Und das würde ich auf jeden Fall immer vorschlagen, dass man je nachdem, was man mag, kann man ja auch ... Man, man kann sich auch Gedichte anhören. Man kann natürlich Podcasts anhören. Es gibt wunderbare Seiten, kostenlos, frei zugänglich im Internet, zum Beispiel sogenannte leichte Nachrichten. Das sind Nachrichten für Hörgeschädigte. Die habe ich immer super, super gern empfohlen, weil sie, einmal sind sie ja an das Tagesgeschehen gebunden. Also man hat da auch einfach einen Bezug dazu und diese Nachrichten sind nicht länger als zweieinhalb bis dreieinhalb Minuten und sie werden langsam und deutlich gesprochen. Und was einfach auch noch dazukommt: Es gibt immer noch einen Text dazu. Das heißt, der Hörer kann, wenn er es nicht gut versteht, auch mitlesen. Und da kommt wieder diese Gehirnfunktion zum Tragen. Wenn ich einfach noch zusätzlich das Schriftbild dazu habe, wird das Hören viel, viel klarer. Und da hapert es bei Hörbüchern oft schon, dass wir oft noch nicht eins zu eins das passende Buch haben, wo es wirklich Wort für Wort passt zu dem, was eingesprochen worden ist. Ja.

00:34:03: Katharina Kiecksee: Also wäre dein Tipp da auf jeden Fall, lieber kleiner anfangen, statt sich die, die großen Brocken direkt vorzunehmen, um einfach diesem Frust auch ein bisschen vorzubeugen, dass man sich da selber zu sehr unter Druck setzt und vielleicht auch zu sehr mit anderen vergleicht, wenn man schon von anderen hört: „Mensch, ich höre regelmäßig Hörbücher stundenlang." Man muss für sich selber den richtigen Weg-

00:34:25: Yvonne Leonhardt: Absolut, Katharina. Genau. Und dafür ist das dann einfach gut in so einer Therapie, dass man das einfach mal auffächern kann und ansprechen kann und Alternativen zu so einem Hörbuch zum Beispiel gibt. Aber wie gesagt, wer Hörbücher hören mag und kann und das liebt, soll das bitte, bitte auch tun. Ich hatte eine ganz, ganz tolle Patientin, die mittlerweile auch eine gute Freundin von mir geworden ist. Die hat zum Beispiel sich auf YouTube die Reden von Barack Obama angehört, weil sie einfach, die war schon sehr, sehr weit und wollte das dann aufs Englisch ausweiten und sagt: „Den verstehe ich so toll, dann höre ich mir das an." Und da würde ich nie sagen: „Um Gottes willen, das ist doch viel zu schwer", oder sonst. Jeder findet das, was dann in dem Moment passt.

00:35:09: Jan Krawitz: Du hast eben davon erzählt, dass viele Angehörige mit dabei sind in, in der Therapie. Das heißt, du hast da auch viele Berührungspunkte gehabt. Welche Tipps würdest du denn Angehörigen geben? Wie können die ihre Angehörigen, die, die Betroffenen unterstützen?

00:35:26: Yvonne Leonhardt: Mhm. Ja, also Basis ist wirklich Verständnis wecken und aufklären und wie gesagt, sagen: „Nein, nur weil es jetzt ein Cochlea-Implantat ist, ist jetzt nicht auf einmal das perfekte und absolute Gehör vorhanden. Ihr Angehöriger bleibt trotzdem ein schwer hörender Mensch, aber er ist halt nicht taub, er ist nicht gehörlos." Und das ist auch immer die Frage, die ich dann stelle: Wäre das die Alternative, gehörlos zu sein? Nein, auf gar keinen Fall. Dann arbeite ich mich lieber in dieses schwere Hören rein, was ja nach und nach leichter, besser wird, werden kann, in vielen Fällen super wird. Ja, und das viele sagen, hätte ich schon viel eher gemacht. Also da wirklich Aufklärung und dann, wenn man üben möchte, wirklich auch- Die Grenzen aber auch einhalten, nicht bis zum Ermüden oder bis der andere dann schon Kopfschmerzen kriegt oder bis es, wie gesagt, in diesen Ehestreit ausartet, sondern wirklich auch schauen, was geht zusammen? Es sind natürlich aber auch Tipps, wenn ich eine Familienfeier habe. Also oft ist ja das Hören im Störgeräusch ist eigentlich immer ein sehr, sehr großes Thema, bei dem ich aber immer sage, das ist eine Königsdisziplin. Hören im Störgeräusch, Musik hören und telefonieren, das sind so die, die Königsdisziplinen im Hörtraining. Es gibt an sich keine große Hierarchie, ob ich nun auf Buchstabenebene arbeite oder auf Wortebene oder auf Sätzen, aber die drei Bereiche sind halt sehr, sehr schwierig. Und dann zu schauen, dass ich Situationen, in denen halt viele Sprecher da sind, wie Familienfeiern oder Essen gehen, dass ich die so gestalte, dass ich nicht noch laute Musik anhabe, dass es ein paar Gesprächsregeln gibt. Ich weiß, das ist nicht immer so umzusetzen, ja. Aber darauf zu gucken, also da ermutige ich natürlich auch den Hörgeschädigten selbst. Also es geht auch sehr viel Selbstermutigung, Selbstbewusstsein für sich einzustehen, halt nicht zu verstecken, dass ich nicht hören kann, sondern auch das noch mal klar zu formulieren, wenn es vergessen wird. Sei es jetzt in der Familie oder auf der Arbeit oder bei der Bäckereiverkäuferin noch mal zu sagen: „Ich habe das nicht verstanden. Können Sie das wiederholen?" Das ist, da ist auch der Hörgeschädigte sehr, sehr gefordert und das ist auch je nach Persönlichkeit natürlich super, super unterschiedlich. Aber wenn es eins ist, was ich mitgeben möchte, dann das auf jeden Fall auch, ne. Steh, steh da für dich ein, sei da offen, sei da mutig, weil so kommst du einfach auch besser durch, durch das, durch das Leben. Aber auch als Appell für die Gesellschaft unbedingt, ja. Also es gibt immer noch viel zu wenig Barrierefreiheit, gar keine Frage. Immer noch viel zu viel Hörbarrieren auch, aber auch ein gesellschaftliches Thema der Rücksichtnahme. Ganz einfach schon der Blickkontakt. Also Hörgeschädigte sind super angewiesen auf das Mundbild. Und auch das ist nicht schlimm, dass es so ist. Das sagen mir auch ganz viele im Training, haben mir das die Menschen gesagt: „Ich hab's jetzt aber nur verstanden, weil ich es an den Lippen auch gelesen habe." Ja, wunderbar. Gott sei Dank haben wir alle diese Sinne und so lernt ein Baby auch sprechen, indem es der Mama, dem Papa auf die Lippen guckt. Und man sollte einfach auch im Alltag, man sollte sich zuwenden seinem Gegenüber, ob hörgeschädigt oder nicht, finde ich. Ja, das ist ein Zeichen von Respekt, aktives Zuhören. Ich schaue dich an, dann würde das alles ein bisschen besser funktionieren auch.

00:39:11: Jan Krawitz: Du hast eben schon mal ein bisschen angedeutet, der Betroffene selber hat sehr, sehr viel in, in der Hand. Wie wichtig ist diese Mitwirkung des, des Patienten in der Therapie, aber insgesamt auch für den Hörerfolg am Ende des Tages?

00:39:26: Yvonne Leonhardt: Ja, das ist sehr, sehr wichtig. Es ist sein, sein Gehör, sein Gehirn und alles, was der Betroffene selber halt macht oder nicht macht, wird natürlich auch letztendlich einen Effekt, einen Effekt haben aufs Ergebnis. Ja? Also im Prinzip auch da wieder als Entlastung, allein wenn ich das CI trage, das ist schon üben. Ich trage es und ich, ich sage den Leuten auch: „Gehen Sie am Anfang, gehen Sie durch die Wohnung, lauschen Sie der Kaffeemaschine, klappen Sie mal den Geschirrspüler auf und räumen mal die Tassen und, und das Besteck ein und hören Sie mal, wie sich das anhört. Hört sich das so an wie früher oder hören Sie da ganz neue Sachen? Alltagsgeräusche. Ganz spielerisch mal anhören, wahrnehmen, natürlich auch rausgehen. Viele Leute hören das erste Mal wieder die Vögel zwitschern. Das, also wie gesagt, sind auch wunderbare, wunderbare, schöne Erlebnisse dabei. Und dafür muss ich mich, also dafür muss ich natürlich das CI aber einfach auch tragen. Also es fängt schon mit der Bereitschaft an, es einfach auch zu tragen, ganz klar, auch wenn es schwer ist am Anfang, also auch viel Hörüberförderung, -überforderung da sein kann, keine Frage.

00:40:48: Katharina Kiecksee: Die Therapie, bei dir ist dann ja auch irgendwann zu Ende erst mal, auch wenn du sie lange betreust, die Patienten. Hörst du denn trotzdem im Nachgang oder hast du im Nachgang noch mal von deinen Patienten gehört, wenn vielleicht so besonders schöne Momente gekommen sind oder sie einfach noch mal was mit dir teilen wollten, was sie erreicht haben?

00:41:05: Yvonne Leonhardt: Ja, das kommt immer noch mal wieder vor und gerade auch in Wolfsburg war ich sehr aktiv, auch in, bei den Schwerhörigen Selbsthilfegruppen und da bin ich natürlich viel in Kontakt und man bleibt einfach über lange Zeit auch verbunden und wie gesagt, auch diese Awareness und auch Abbau der Barrieren, das liegt mir sehr am Herzen. Also deshalb, ich habe den Kontakt da und kriege da auch immer noch mal Rückmeldung, wie es so weitergeht. Das ist sehr, sehr schön.

00:41:32: Katharina Kiecksee: Und man geht mit dir gemeinsam ja auch auf eine sehr emotionale Reise dann von Beginn, wo du sagtest, mit dem Verlust, den man erst mal verarbeiten muss, bis hin zu den ersten Geräuschen oder dem ersten Lied, was man dann auch wieder hört.

00:41:43: Yvonne Leonhardt: Absolut, genau. Ja, eine emotionale Reise und ja, auch, auch eine sehr, sehr lustige Reise zum Teil auch. Ja, also noch mal das Thema, wirklich auch da Leichtigkeit reinzubringen. Ich hatte einen jungen Patienten, also ein, ja, so Anfang zwanzig war der, der hatte sein zweites CI bekommen und der kannte mich halt schon von der Therapie, von der ersten Seite und die erste Stunde hat er sich mit dem neuen CI einfach nur kaputt gelacht, weil er sagt: „Du hörst dich an wie Minnie Mouse. Ich kann dir gar nicht zuhören und mit dir irgendwas üben." Also wir haben natürlich auch super viel gelacht. Also das ist kein strenges irgendwie Training und, und nur Lauschen und nur- Da Leistung erbringen. Es ist wirklich auch viel Lachen und wie gesagt, auch mal eine Träne im Auge, aber eine ganz, ganz tolle Arbeit und es geht da auch wirklich sehr tief rein. Und es ist einfach auch ein Schutzraum. Ein Schutzraum, in dem man alles mal ausprobieren kann an Geräuschen, Instrumenten, Worten. Und es passiert einfach nichts, weil es ist natürlich auch so, dass man draußen vielleicht doch manchmal doof angeguckt oder auch doof angemacht wird. Auch das habe ich alles mitbekommen, leider, von meinen Patienten. Und das ist natürlich nicht so schön, wenn man bloßgestellt wird oder wohl noch ausgelacht wird.

00:43:07: Jan Krawitz: Ja, du hattest eingangs erwähnt, dass in der Logopädie, dass es da ganz viele Spezialisierungen gibt. Du hast den Weg Richtung CI dann nach vielen Jahren eingeschlagen. Nach ungefähr achtzehn Jahren hast du gesagt, "Ich will mehr in den Bereich reingehen." Wie hat sich dein Berufsalltag dadurch verändert, als du gesagt hast, "Ich möchte mich auf diesen Bereich der CI-Versorgung konzentrieren"?

00:43:31: Yvonne Leonhardt: Die Anfragen wurden natürlich zunehmend mehr. Ich habe in dem Einzugsbereich Wolfsburg, Hannover, Magdeburg, Halberstadt dann Patienten gehabt und so super gerne ich jetzt auch bei Cochlear angekommen bin, ist es natürlich so, dass wir auch in der Logopädie einen Fachkräftemangel haben und es auch nicht so viele Logopäden gibt, die sich dann auch auf den Bereich CI spezialisiert haben. Insofern fehlt da jetzt auch so ein bisschen was an Versorgung, was ich bedauere und einfach auch hoffe, dass da Leute nachkommen. Aber es hat dann einen sehr großen Teil meiner Arbeit eingenommen und das war auch wirklich immer ein Herzensthema für mich, das mich sehr gefreut, dass ich diesen Weg gehen konnte.

00:44:14: Jan Krawitz: Was, was würdest du anderen Logopäden mit auf den Weg geben, die diese Spezialisierung nicht eingeschlagen haben, die vielleicht am Anfang ihrer Laufbahn stehen oder jetzt lange Jahre einen anderen Schwerpunkt ausgeübt haben? Was ist das Spannende, wenn man sich als Logopädin dann dem Thema CI widmet?

00:44:30: Yvonne Leonhardt: Ja, also ich liebe halt auch diese Technik daran. Ich bin nicht wirklich eine Technikerin. Also ich habe da nicht so ganz großes technisches Verständnis, aber die Verknüpfung von der Medizintechnik zu der Hirnphysiologie, also diese Bereiche, die finde ich wirklich gigantisch. Also es ist total spannend und wir sind ja noch lange nicht angekommen im Bereich CI mit der Entwicklung. Also ich glaube, die nächsten Jahre wird da noch so, so viel passieren, dass das Hören auch immer noch viel besser und klarer und differenzierter wird, sodass das ein ganz spannender Arbeitsbereich ist. Und man hat halt auch die Vielzahl der Patienten von ganz klein bis halt ganz alt und das macht, mir persönlich macht das Spaß und ich würde allen Kolleginnen sagen: „Ran da an das Thema."

00:45:21: Katharina Kiecksee: Ich finde, das ist ein schönes Schlusswort, mit dem wir enden können. Ran an das Thema, an das Thema Hören, an das Thema CI. Vielen Dank, Yvonne, dass du dabei warst.

00:45:31: Yvonne Leonhardt: Ich danke euch, dass ich da sein durfte.

00:45:32: Jan Krawitz: Vielen Dank.

00:45:33: Yvonne Leonhardt: Danke.

00:45:43: Musik: [Musik]

00:45:43: Jan Krawitz: Abonnieren Sie unseren Kanal hier bei YouTube und überall dort, wo es Podcasts gibt. Und wenn Ihnen die Folge gefallen hat, freuen wir uns sehr über eine Bewertung.

00:46:08: Musik: [Musik]

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