Wie lernt man nach einer CI-Operation wieder Hören?
Shownotes
„Die Operation ist nur der Anfang – das Hören lernt man in der Reha“, sagt Dr. Silvia Schicktanz in dieser Folge von Besser Hören. Silvia Schicktanz ist therapeutische Leiterin des Cochlea-Implantat Centrums Berlin-Brandenburg. Im Gespräch erklärt sie, warum die Reha nach einer CI-Operation so entscheidend ist und wie ihr Team Menschen jeden Alters dabei begleitet, Klänge neu zu entdecken - vom Zischen einer Sprudelflasche bis hin zur Lieblingsmusik. Eine inspirierende Folge über den Neustart ins Hören und die beeindruckende Fähigkeit unseres Gehirns, auch nach Jahren der Taubheit das Hören wieder zu lernen.
Alle Äußerungen sind die Ansichten der Einzelpersonen. Um zu ermitteln, ob Produkte der Cochlear Technologie für Sie geeignet sind, wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt.
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00:00:00: Musik: [Intro-Musik]
00:00:10: Katharina Kiecksee: Herzlich willkommen bei unserem Podcast „Besser Hören“. Heute, Jan, haben wir Frau Dr. Sylvia Schicktanz bei uns im Gespräch gehabt und Frau Dr. Schicktanz ist therapeutische Leiterin des CIC Berlin-Brandenburg, also des Cochlea-Implantat-Zentrums hier in Berlin, und sie ist CI-Audiologin und Diplom-Sprechwissenschaftlerin und darüber hat sie uns berichtet.
00:00:35: Jan Krawitz: Genau, sie hat uns berichtet, was dahinter steckt und vor allem, wie komplex der Vorgang der Reha ist und welchen wichtigen Teil das Thema Reha einnimmt in der gesamten CI-Versorgung, dass es eben nicht damit getan ist: „Ich bekomme ein Implantat, schalte es ein und höre wieder“, sondern dass die Reha eben eine ganz, ganz große Rolle spielt und es sehr, sehr wichtig ist, wie der Patient dort mitwirkt, aber wie auch interdisziplinär eben im Rahmen der gesamten Reha zusammengearbeitet wird. Das war sehr, sehr spannend.
00:01:08: Katharina Kiecksee: Sie hat uns auch erzählt, wie sie überhaupt an das Thema Cochlea-Implantate herangekommen ist, wo ihre ersten Berührungspunkte waren und wir erfahren auch, was das CIC Berlin überhaupt alles abdeckt. Also wann gehe ich in das CIC Berlin von der Erstberatung wirklich zum Thema Cochlea-Implantation bis hin, was du schon gesagt hattest, das Thema Rehabilitation und Nachsorge.
00:01:34: Jan Krawitz: Und damit ist das CIC eine sehr, sehr gute Anlaufstelle für Betroffene, wirklich auch als erste Anlaufstelle. Da hat sie uns viel darüber erzählt und dann hören wir in das Gespräch rein und wünschen unseren Hörerinnen und Hörern viel Spaß und eine informative Zeit mit der neuen Podcast-Folge von „Besser Hören“.
00:02:00: Musik: [Musik]
00:02:00: Dr. Schicktanz: Ja, aus meiner Sicht ist die Reha neben der Operation, die zeitlich gesehen ja nur einen ganz kleinen Teil ausmacht, ist das im Grunde das ganze Leben.
00:02:09: Musik: [Musik]
00:02:15: Dr. Schicktanz: Die meisten Erwachsenen gehen ja in die CI-Versorgung und lassen zuerst natürlich das schlechtere Ohr versorgen, was völlig verständlich ist, würde ich wahrscheinlich auch machen, aber von der Hörphysiologie ist es eigentlich nicht richtig. Also die Entwicklung würde schneller gehen mit dem CI, wenn sie zuerst das besser hörende Ohr, wenn es denn ein CI-Kandidat ist, versorgen lassen würden.
00:02:41: Musik: [Musik]
00:02:41: Dr. Schicktanz: Ich glaube, es gibt nicht die Reha-Form,
00:02:46: Dr. Schicktanz: von der man sagen kann, das ist jetzt nun das Allerbeste, sondern das ist so individuell, wie die Menschen einfach sind.
00:02:52: Musik: [Musik]
00:02:57: Dr. Schicktanz: Und da ist es wichtig, dass man da in einem Team zusammenarbeitet aus verschiedenen Fachdisziplinen, um ihn zu begleiten in möglicherweise ein ganz neues Leben, damit solche Menschen vielleicht wieder den Mut haben, auch eine Berufstätigkeit aufzunehmen zum Beispiel oder wieder Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen, wo sie sich möglicherweise vorher isoliert haben, weil sie eh nichts verstanden haben und es immer frustrierend war.
00:03:23: Dr. Schicktanz: Und das kann man in einem geschützten Rahmen in der Rehabilitation lernen und auch schaffen und dafür sind viele Menschen sehr, sehr dankbar.
00:03:32: Musik: [Musik]
00:03:37: Dr. Schicktanz: Dass man eine echte Funktion, die man verloren hat, wieder zurückbekommt. Und das sehe ich beim Hören so, auch wenn es kein natürliches Hören ist, aber viele empfinden es als Geschenk und das ist auch das, was mich
00:03:50: Dr. Schicktanz: selbst so motiviert, an diesem Thema dranzubleiben und das schon so viele Jahre zu machen, weil es ein wirkliches Geschenk ist, dieses Hören zu bekommen oder wieder zurückzubekommen.
00:04:03: Musik: [Musik]
00:04:11: Jan Krawitz: Herzlich willkommen in unserem Podcast, Frau Dr. Schicktanz. Schön, dass Sie heute bei uns sind. Sie sind ja therapeutische Leiterin am Cochlea-Implantat-Zentrum Berlin-Brandenburg. Und was macht eigentlich eine therapeutische Leiterin in einer solchen Einrichtung?
00:04:30: Dr. Schicktanz: Also ich kann nur für mich sprechen. Es gibt ja sehr viele Reha-Zentren in Deutschland und sicherlich ist die Arbeit nicht in jedem Reha-Zentrum gleich.
00:04:39: Dr. Schicktanz: Ich habe natürlich als therapeutische Leiterin viel Organisation und Mitarbeiterführung zu leisten,
00:04:47: Dr. Schicktanz: aber was ich trotzdem gern und immer auch noch weitermache, ist, ich berate Familien mit kleinen Kindern, die vielleicht noch ganz frisch nach der Diagnose noch gar nicht wissen, was da auf sie zukommt und ob sie sich überhaupt für ein Cochlea-Implantat entscheiden möchten. Ich berate auch Erwachsene und ich mache auch weiterhin technische Anpassungen von Cochlea-Implantaten für Menschen aller Altersgruppen. Also das ist das, was ich eigentlich am liebsten mache und auch gerne weitermachen möchte und mir auch nicht nehmen lassen möchte, auch wenn das Team immer größer wird und die organisatorischen Herausforderungen auch immer vielfältiger werden.
00:05:23: Katharina Kiecksee: Sie haben jetzt ja auch schon gesagt, das Team wird immer größer. Welche Funktionen gibt es denn noch so in dem Cochlea-Implantat-Zentrum? Also was macht ein CIC, wie ja die Abkürzung die gängige ist? Was passiert da noch?
00:05:38: Dr. Schicktanz: Wir sind inzwischen eine gemeinnützige GmbH. Das heißt, wir sind ein
00:05:44: Dr. Schicktanz: freies CI-Rehabilitationszentrum und haben eben verschiedene Kooperationspartner in den verschiedenen Kliniken und wir haben eine Geschäftsführung, wir haben eine ärztliche Leitung, wir haben viele therapeutische Mitarbeiterinnen zumeist. Wir haben zwei Hörakustikmeister, wir haben eine Sozialpädagogin, wir haben eine Musiktherapeutin und viele, ja, auch Mitarbeiterinnen, die in der Personalverwaltung, die die Anmeldung für die Patienten machen. Also wir sind inzwischen ein Team von 25 Mitarbeiterinnen zumeist.
00:06:22: Jan Krawitz: Sie selbst sind unter anderem ausgebildete CI-Audiologin und Sie sind Sprechwissenschaftlerin.
00:06:29: Dr. Schicktanz: Genau.
00:06:29: Jan Krawitz: Viele wissen, was ein Sprachwissenschaftler ist. Was ist ein Sprechwissenschaftler oder eine Sprechwissenschaftlerin?
00:06:37: Dr. Schicktanz: Ja, eine Sprechwissenschaftlerin. Das ist ein bisschen
00:06:40: Dr. Schicktanz: ein Nischendasein, was wir so führen. Also es hat viel auch tatsächlich mit Sprachwissenschaft zu tun, aber ansonsten
00:06:46: Dr. Schicktanz: eher was
00:06:48: Dr. Schicktanz: mit dem Sprechvorgang. Also ich bin sozusagen ausgebildet, Sprecherziehung für Menschen zu machen, die in Sprecherberufen arbeiten, also für Schauspieler, für Sänger, für Dirigenten, für Pädagogen, also für Menschen, die wirklich viel in ihrem Alltag sprechen müssen. Und parallel dazu habe ich auch noch eine therapeutische Ausbildung. Das war damals zweigleisig. Genau, und dann habe ich mich irgendwann auf die Cochlea-Implantate spezialisiert.
00:07:22: Katharina Kiecksee: Und wie sind Sie damals auf Sprechwissenschaften gekommen?
00:07:27: Dr. Schicktanz: Ja, das war ein langer Weg. Genau, ich bin im Ostteil des Landes groß geworden und wollte eigentlich mal was ganz anderes studieren, nämlich Ethnografie. Das ging damals nicht und dann habe ich eben erst mal nicht studiert und habe zwei Kinder bekommen, habe dann nach der Wende von diesem Studiengang gehört und Sprache und Sprechen hat mich schon immer interessiert und habe dann mit meinen beiden zwei kleinen Kindern angefangen, das zu studieren. Genau.
00:07:54: Jan Krawitz: Heute sind Sie CI-Spezialistin. Wann hatten Sie die ersten Berührungspunkte mit dem Thema Cochlea-Implantate? Und wie kam es denn dazu, dass Sie gesagt haben, von Ihrer Ausbildung her spezialisiere ich mich jetzt genau in diese Richtung?
00:08:10: Dr. Schicktanz: Das war tatsächlich schon im Studium.
00:08:13: Dr. Schicktanz: Ich habe an der Humboldt-Uni studiert und da gab es damals eine sogenannte Ambulanz in der Humboldt-Uni, wo tatsächlich auch Therapien stattfanden. Und unter anderem, weil ja die Charité auch eine ganz lange Tradition in der CI-Versorgung hat. Es gab ja schon in der DDR erste Implantate, Cochlea-Implantate, die noch extra cochlear lagen, also aus heutiger Sicht ganz, ganz abenteuerlich. Und die haben dann Therapien, also natürlich auch Anpassungen und Operationen, aber auch Therapien in dieser Ambulanz gemacht. Und ich fand schon damals dieses Thema so spannend, dass gehörlose Menschen mit so einem Implantat tatsächlich wieder hören lernen können, wenigstens hören und im besten Falle natürlich Sprache verstehen, und habe dann meine Diplomarbeit schon über Erwachsene mit Cochlea-Implantaten geschrieben. Und dann bin ich ... Ich habe dann erst noch eine Weile in einer logopädischen Praxis gearbeitet, hatte noch einen Lehrauftrag an der Hochschule für Musik in Rosburg für Sprecherziehung und habe dann gedacht: „Ja, ich probiere es mal, mich in diese Richtung zu spezialisieren, und hatte das Glück, dass dann das Cochlea-Implant-Reha-Zentrum in Berlin gegründet werden sollte. Und dann noch ein weiteres großes Glück, dass der Professor Lenhard meine Diplomarbeit über irgendwelche Wege in die Hände bekam und mich angerufen hat und gesagt hat: „Kommen Sie da mal zur Grundsteinlegung. Und das war dann der Anfang. Ich habe mich dann beworben und wurde als erste Mitarbeiterin dort angenommen.
00:09:50: Jan Krawitz: Für diejenigen Hörer, die mit Professor Lehnert nichts anfangen können, ist einer der Ikonen im Bereich der Cochlea-Implantat-Versorgung in Deutschland, aber auch über die deutschen Grenzen hinaus aus wirklich den Anfangszeiten schwerpunktmäßig in Hannover. Sie haben eben schon erzählt, dass das CIC eine gemeinnützige GmbH ist und der Träger ist ja die Berlin-Brandenburgische Cochlea-Implantat-Gesellschaft, wenn ich richtig informiert bin. Wie kam es zu der Konstellation und wie kam es überhaupt zu der Gründung des CIC? Wie ist das zustande gekommen?
00:10:24: Dr. Schicktanz: Im Grunde ist das ganze CIC aus der Arbeit der Hörberatungsstelle in Berlin-Neukölln hervorgegangen. Die haben – ich glaube, das ist inzwischen schon wahrscheinlich 45 Jahre her – festgestellt, dass es wichtig ist, dass Familien mit kleinen hörgeschädigten Kindern nicht in der Klinik behandelt werden, sondern durch ein interdisziplinäres Team außerhalb einer Klinik und haben diese Hörberatungsstelle aufgebaut, die vom Bezirksamt auch finanziert wurde, also vom öffentlichen Gesundheitsdienst. Und dann kamen irgendwann die ersten Kinder, die eben nicht mit einem Hörgerät versorgt wurden, sondern eben mit einem Cochlea-Implantat und die kamen zumeist aus Hannover. Und dann waren es Eltern, die gesagt haben: „Wir möchten aber auch gern eine Versorgung hier in Berlin haben, haben einen Verein gegründet mit dann auch schon Erwachsenen, die ein Cochlea-Implantat bekommen haben.
00:11:25: Dr. Schicktanz: Und daraus ist dann die Berlin-Brandenburgische Cochlea-Implant-Gesellschaft hervorgegangen als Verein, der in den ersten Jahren tatsächlich der Geschäftsbetrieb, sagt man dazu, des Cochlea-Implant-Zentrums war. Und dann sind wir aber immer größer geworden. Also ich war sozusagen die erste Angestellte dort unter Leitung damals von Dr. Aust, dem Klaus Berger. Und nachdem wir immer größer wurden, hat der Verein gesagt: „Das können wir nicht
00:11:55: Dr. Schicktanz: mehr stemmen. Und dann sind wir eine gemeinnützige GmbH geworden und jetzt ist der Geschäftsbesorger noch die Berlin-Brandenburgische Cochlea-Implant-Gesellschaft.
00:12:06: Jan Krawitz: Sie haben eben schon davon gesprochen, dass es den Impuls gab, eine Versorgung und Betreuung außerhalb der Klinik darzustellen. Der Bereich Reha findet ja typischerweise nicht in der Klinik, auch heute nicht in der Klinik statt. Das heißt, wenn wir über die Cochlea-Implantat-Versorgung sprechen, ist der Teil der Voruntersuchung, die eigentliche Operation, ja nur ein Teil
00:12:30: Jan Krawitz: dieser Versorgung. Nehmen Sie uns da einmal mit: Welche Rolle spielt Reha in der gesamten CI-Versorgung?
00:12:39: Dr. Schicktanz: Ja, aus meiner Sicht ist die Reha neben der Operation, die zeitlich gesehen ja nur einen ganz kleinen Teil ausmacht, ist das im Grunde das ganze Leben.
00:12:50: Dr. Schicktanz: Also wir fangen normalerweise mit der Beratung für die Cochlea-Implant-Versorgung an und das machen wir immer ganz individuell. Für Erwachsene haben wir auch ein offenes Angebot, ein CI-Café, wo sie sich mit anderen Betroffenen austauschen können und erleben können, wie Menschen mit ihrem Cochlea-Implantat umgehen. Und
00:13:13: Dr. Schicktanz: dann startet die Reha im Grunde ungefähr vier Wochen noch nach der Operation
00:13:20: Dr. Schicktanz: und
00:13:21: Dr. Schicktanz: wir sind für die Patienten ein ganzes Leben lang da, also in der Reha-Phase, die ganz unterschiedlich aussehen kann. Also für Kinder geht die mindestens drei Jahre und je nachdem, wie sich die Kinder in den drei Jahren entwickelt haben, kann man auch noch weitere Reha-Termine bei der Krankenkasse beantragen und bekommt sie auch oft. Und für die Erwachsenen ist die Phase meistens ein bisschen kürzer und dann geht die Phase der Nachsorge los und die ist lebenslang. Im Grunde ist es eine Verbindung für das ganze Leben, die man miteinander eingeht. Und deswegen ist auch der Einstieg für mich in die Versorgung und die Beratung als ersten Termin dafür so enorm wichtig, damit die Erwachsenen, damit die Familien wissen, worauf sie sich einlassen und auf wen sie sich einlassen.
00:14:08: Katharina Kiecksee: Also es ist ganz wichtig, dass man schon vor der eigentlichen OP, wo vorher die meisten ja erst mal daran denken, über die Reha informiert wird.
00:14:16: Dr. Schicktanz: Genau.
00:14:17: Katharina Kiecksee: Können Sie uns dann noch mal sagen, was verbirgt sich unter dem Begriff Reha? Das haben wir jetzt ja schon gesagt, die Phase der Reha. Was beinhaltet die Reha?
00:14:26: Dr. Schicktanz: Also wir versuchen, das mit den Patienten möglichst individuell abzustimmen, wo der Bedarf liegt, weil je nachdem,
00:14:35: Dr. Schicktanz: ob es ein ganz kleines Kind ist, das noch nie gehört hat und vielleicht erst zehn Monate alt ist oder noch jünger, hat das ja einen ganz anderen Reha-Bedarf als ein Erwachsener, der möglicherweise durch eine Meningitis oder so frisch ertaubt ist. Als Allererstes stehen bei uns in der Reha die Anpassungen der Cochlea-Implantate, der Sprachprozessoren und die machen wir
00:14:59: Dr. Schicktanz: einmal in der Woche normalerweise. Und erst wenn das Hörprogramm oder die Hörprogramme stabil sind, dann fangen andere therapeutische Inhalte der Reha an, also Hörsprachförderung für die Kinder oder für die ganz Kleinen erst mal eher was Spieltherapeutisches, für die Erwachsenen dann Hörtraining. Dann kann man bei uns Musiktherapie machen, wenn man das möchte. Es gibt viele Erwachsene, die, wenn sie schon langjährig schwerhörig waren, die ganz große Berührungsängste haben mit Musik und manche entdecken auch Musik für sich wieder völlig neu.
00:15:40: Dr. Schicktanz: Dann haben wir Gruppenangebote für die Familien mit Kindern, damit
00:15:47: Dr. Schicktanz: auch einfach ein bisschen Kontakt zwischen den Eltern, zwischen anderen Kindern entsteht, dass sie sich miteinander austauschen können. Für die Erwachsenen haben wir je nachdem, in was für einer Lebensphase die sind, auch Gruppenangebote, also Kommunikationstraining für Menschen, die noch im Berufsleben stehen oder aber auch für Senioren, die möglicherweise ganz alleine zu Hause sind und wo der Fernseher der einzige Kommunikationspartner ist.
00:16:15: Dr. Schicktanz: Großes Thema sind auch die einseitig Ertaubten. Das ist noch mal eine ganz spezielle Gruppe. Für die haben wir auch Gruppenangebot und wollen das jetzt auch für die Kinder, die einseitig taub sind und auf dem anderen Ohr noch normal hören, genauso aufbauen. Dann ein großer Teil ist vor allem am Anfang eine soziale Beratung, weil viele Familien, aber auch die Erwachsenen gar nicht wissen, was sie für sozialrechtliche Ansprüche haben, angefangen vom Schwerbehindertenausweis, Pflegegeld, was ihnen in der Schule, in der Berufsausbildung oder später auch im Beruf an Unterstützungsmöglichkeiten zusteht. Das ist ein riesengroßes Gesamtpaket, was in der Reha da gemacht wird. Habe ich noch was vergessen? Die audiometrischen Kontrollen natürlich auch, genau, die wir machen.
00:17:05: Dr. Schicktanz: Und dann haben wir einen großen Teil von Menschen, die bimodal versorgt sind, also CI auf einer Seite, Hörgerät auf der anderen Seite. Und dafür haben wir unsere Hörakustiker, die wir dann mit ins Boot holen, wenn die Patienten das möchten. Manche sind ja auch bei ihrem Akustiker schon ganz lange in Betreuung und gehen da auch weiterhin. Das sollen sie auch machen, wenn sie das möchten.
00:17:28: Katharina Kiecksee: Weil Sie jetzt auch schon direkt verschiedene Patienten angesprochen haben, einseitig vertaubt oder bimodal versorgt. Wir bekommen auch immer Fragen von unseren Hörern und das passt jetzt gerade ganz gut. Wir haben die Barbara, sie ist 64 und steht jetzt vor ihrer zweiten CI-OP. Das heißt, sie hat schon ein CI auf der einen Seite und fragt sich jetzt, ob die Reha, ob das jetzt diesmal schneller geht bei dem zweiten Ohr, weil sie ist ja eigentlich schon ein Kind. Was können Sie Barbara dazu sagen?
00:17:59: Dr. Schicktanz: Aus meiner Erfahrung hängt das stark davon ab, wie dieses zweite Ohr gehört hat und wie lange da jetzt schon ... Einen Hörverlust vorliegt und ob sie eventuell noch ein bisschen mit dem Hörgerät vorher verstanden hat. Die meisten Erwachsenen gehen ja in die CI-Versorgung und lassen zuerst natürlich das schlechtere Ohr versorgen, was völlig verständlich ist, würde ich wahrscheinlich auch machen, aber von der Hörphysiologie ist es eigentlich nicht richtig. Also die Entwicklung würde schneller gehen mit dem CI, wenn sie zuerst das besser hörende Ohr, wenn es denn ein CI-Kandidat ist, versorgen lassen würden.
00:18:34: Dr. Schicktanz: Das heißt, meistens ist die Entwicklung des ersten Ohres dadurch ein bisschen langsamer. Ist nicht immer so, aber in vielen Fällen, sodass man tatsächlich davon ausgehen kann, dass die Entwicklung des zweiten Ohres dann schneller verläuft, weil im Grunde das Gehirn schon weiß, was da auf mich zukommt. Aber auch das kann individuell ganz verschieden sein und hängt einerseits natürlich sehr vom Geschick des
00:18:59: Dr. Schicktanz: Audiologen ab, der die CI-Anpassung macht, andererseits aber auch davon, wie schnell das Gehirn diese Verknüpfung der beiden, dieses neuen Hörens, tatsächlich lernt. Und ich würde schon sagen, je länger dieses Ohr nichts gehört hat, was dann jetzt in die zweite Versorgung geht, desto länger braucht es.
00:19:21: Dr. Schicktanz: Aber auch da kann man immer wieder positive, leider manchmal auch negative Überraschungen erleben. Und deswegen ist diese Beratung auch vor so einer zweiten CI-Versorgung, auch wenn man denkt, man kennt eigentlich schon alles, noch mal ganz wichtig, damit man weiß, worauf man sich da einlässt.
00:19:39: Dr. Schicktanz: Ja.
00:19:39: Katharina Kiecksee: Aber auf jeden Fall kann man sagen, bei Ihnen wird man da nicht alleine gelassen. Man wird betreut und gut beraten, braucht da auch gar keine Angst davor zu haben, dass man da alleine gelassen wird.
00:19:50: Dr. Schicktanz: Für uns ist das zweite Ohr natürlich, es wird ja wieder eine ganz neue Reha sein. Also auch dieses Ohr braucht eine ganz eigene Reha. Und wir trennen das auch nicht voneinander, sondern wenn jetzt das zweite Ohr versorgt wird und das erste Ohr sozusagen gar keine offiziellen Reha-Termine mehr hat, dann verlieren wir das ja nicht aus dem Blick, sondern es geht ja im Grunde ein ganz neuer Hörlernprozess los. Also das, was man vorher auf dem einen Ohr gut verstanden hat und auch die Anpassungen, die für dieses eine Ohr gut waren, können, wenn das zweite Ohr dazukommt, sich noch einmal verändern. Also in vielen Fällen ist es so, dass ich das erste Ohr irgendwann leiser machen muss, weil um gut zu hören mit einem Ohr, muss der Input im Grunde oder das Hörprogramm lauter sein, als wenn dann noch mal ein zweites dazukommt. Da verändert sich noch mal ganz viel und ich finde, darauf sollten die Leute vorbereitet sein, dass das alles sein kann.
00:20:48: Katharina Kiecksee: Und Sie haben es eben auch schon ganz kurz angerissen: Wenn die offiziellen Termine vorbei sind, wenn ich jetzt mit meinem offiziellen Reha-Teil durch bin und ich habe aber das Gefühl, ich brauche da noch was. Also einmal,
00:21:00: Katharina Kiecksee: habe ich die Möglichkeit, eine Anschluss-Reha oder Anschlusstermine zu bekommen?
00:21:06: Dr. Schicktanz: Genau. Also wenn die Patienten den Wunsch haben und auch wir den Bedarf sehen, dann stellen wir gern noch Verlängerungsanträge und in den meisten Fällen werden die auch bewilligt, weil es ist ja nicht ohne Grund so, dass das beantragt wird. Wir kämpfen das dann auch unter Umständen mit den Patienten durch.
00:21:25: Dr. Schicktanz: Und auch danach sind wir weiter für sie da. Also wenn die Reha dann tatsächlich mal beendet ist, dann beantragen wir Kontrolltermine bei den Krankenkassen. Die sind dann einmal im halben Jahr, in den ersten zwei Jahren nach Abschluss der Reha und dann jährlich
00:21:44: Dr. Schicktanz: ein Termin, wo dann praktisch eine audiometrische Kontrolle stattfindet, wo alles noch mal angeschaut wird, also natürlich die externen Teile des Systems, die Anpassung noch mal angeschaut wird und nachgemessen wird. Und wir bieten auch immer an, dass wenn es einen Notfall gibt, wenn ich morgens aufwache und mein Prozessor geht nicht an, ich muss aber arbeiten gehen, dann können Sie auch jederzeit zu uns kommen und werden sofort mit Ersatzteilen versorgt. Das ist immer möglich, genau. Da lassen wir niemanden allein.
00:22:19: Jan Krawitz: Es gibt ja grundsätzlich verschiedene Formen der Reha. Das heißt, es gibt die Möglichkeit, das Ganze ambulant zu machen, aber auch stationär zu machen. Und am Ende steht der Patient auch vor der Entscheidung: Was ist das Passendere? Was geben Sie denn den Menschen mit auf den Weg, worauf sie achten sollten oder woran sie sich da orientieren sollten bei dieser Frage?
00:22:42: Dr. Schicktanz: Na, ich glaube, das Wichtigste ist, dass es mit in das Leben des Patienten passen muss. Also die meisten stationären Reha-Formen sind ja so, dass sie zeitlich begrenzt sind, vier, fünf, vielleicht auch sechs Wochen und dann möglicherweise intervallartig auch noch mal stattfinden können. Dann gibt es ja diese Varianten, in denen so,
00:23:04: Dr. Schicktanz: ich würde jetzt das teilstationär nennen, wo man dann alle paar Wochen für drei Tage hinfährt. Ich glaube, es gibt nicht die Reha-Form,
00:23:18: Dr. Schicktanz: von der man sagen kann, das ist jetzt nun das Allerbeste, sondern das ist so individuell, wie die Menschen einfach sind und wie die Bedürfnisse einfach sind. Manchmal ist es auch so, dass wir Patienten haben, die sind bei uns in der ambulanten Reha, also kommen einmal wöchentlich oder wenn der Bedarf dann nicht mehr so groß ist, vielleicht alle zwei Wochen, alle drei Wochen oder in größeren Abständen, dass wir sagen: „Wenn Sie in Ihrem beruflichen Alltag so viele Probleme haben oder wenn Sie das jetzt nicht schaffen, dieses neue Hören so in Ihr Leben zu integrieren, dass Sie sich damit wohlfühlen, dann beantragen Sie doch noch eine stationäre Reha und dann kann das auch parallel erfolgen. Das kann alles gut sein. Oder aber man macht das irgendwann später, noch mal eine stationäre Reha und kann sich dann voll und ganz auf sein Hören konzentrieren. Es ist alles möglich und ich glaube, es gibt keine Form. Aus meiner Sicht keine Form, die tatsächlich die Beste ist.
00:24:18: Dr. Schicktanz: Man muss es wissen, man muss informiert sein darüber, was es gibt und dann soll man das entscheiden dürfen, finde ich.
00:24:24: Jan Krawitz: Sie kooperieren ja grundsätzlich mit mehreren Kliniken. Das CIC ist offensichtlich ansässig in Berlin. Sie kooperieren mit mehreren Berliner Kliniken. Wie funktioniert das grundsätzlich, wenn ich an einer bestimmten Klinik mit einem Cochlea-Implantat versorgt worden bin, kann ich mir die Reha frei aussuchen? Bin ich da in meiner Auswahl eingeschränkt? Was heißt es denn genau, wenn eine Klinik mit einer Reha-Einrichtung kooperiert?
00:24:51: Dr. Schicktanz: Normalerweise ist es so, dass jeder Patient die freie Wahl hat, wo er die Reha machen möchte. Das A und O ist immer: „Ich muss es wissen.“ Und wenn die Kliniken darüber informieren, dann können die Patienten sich vorher bei uns anmelden und wir lernen uns kennen, wir machen eine Beratung. Oft geht es ja dann auch noch mal die Entscheidung, ob überhaupt eine CI-Versorgung sein soll. Mit welchem System möchte ich denn versorgt werden? Das können wir bei uns noch mal alles ganz in Ruhe anschauen. Die Beratungen in den Kliniken sind oft wesentlich kürzer und dann hängt es ja auch davon ab, welches System wird denn in welcher Klinik auch tatsächlich operiert.
00:25:33: Dr. Schicktanz: Also oft ist es so, wir bekommen die Patienten schon angemeldet aus der Klinik und laden die dann zu einem Beratungsgespräch ein. Manchmal ist es andersherum: Die kommen vielleicht vom Hörakustiker, haben von uns gehört und melden sich bei uns an und wir sagen ihnen dann, welche Kliniken es in Berlin gibt und
00:25:51: Dr. Schicktanz: sie stellen sich dort vor. Also es ist auch inzwischen gar nicht mehr so selten, dass dann mehrere Kliniken angeschaut werden, damit man eben diese
00:26:00: Dr. Schicktanz: wirklich wichtige Entscheidung in seinem Leben in der Klinik seines Vertrauens machen kann.
00:26:05: Jan Krawitz: Das heißt, Sie sind auch eine gute Anlaufstelle für eine Erstberatung.
00:26:10: Dr. Schicktanz: Genau.
00:26:10: Jan Krawitz: Das heißt, man muss nicht zwingend für diese Erstberatung in die Klinik gehen und kommt dann zum Thema Reha, sondern man kann sich auch direkt an das CIC wenden für die Erstberatung, diese Orientierung zu finden und da quasi auch einen Lotsen zu haben, wie der weitere Weg aussehen könnte.
00:26:24: Dr. Schicktanz: Genau, ja, das ist alles möglich. Also je nachdem, mit welcher Klinik wir da zusammenarbeiten, da scheinen einfach auch die Verträge innerhalb der Klinik mit den Krankenkassen ganz unterschiedlich zu sein. Also unter Umständen hängt von unserer Beratung und unserer Empfehlung ab, ob die Krankenkassen die Implantation tatsächlich übernehmen. Dafür ist dieses Erstgespräch auch schon wichtig oder kann wichtig sein. Das ist nicht immer so, aber in manchen Fällen ist das so und dann schreiben wir auch eine Stellungnahme für die CI-Versorgung.
00:26:54: Katharina Kiecksee: Für dieses Erstgespräch kann ich bei Ihnen einfach sozusagen in das CIC reingehen? Rufe ich Sie an?
00:27:01: Dr. Schicktanz: Am besten ist es-
00:27:02: Katharina Kiecksee: Wie ist der Weg?
00:27:02: Dr. Schicktanz: Genau, am besten man ruft an oder schreibt eine SMS oder eine E-Mail. Also wir sind über alle Kanäle zu erreichen und vereinbart einen Termin, weil wir nehmen uns für so ein Erstgespräch wirklich viel Zeit. Also anderthalb, zwei Stunden dauert so ein Erstgespräch meistens.
00:27:19: Dr. Schicktanz: Und es gibt auch Patienten, die sagen: „Das reicht mir nicht. Ich möchte dann gerne noch mal kommen, weil ich immer noch viele Fragen habe. Oder aber ich möchte vielleicht auch andere Betroffene schon mal kennenlernen.“ Dann gucken wir, wer könnte vom Alter, wer könnte von der Hörgeschichte her zusammenpassen und vermitteln auch das. So ein Treffen kann auch bei uns im Zentrum stattfinden oder aber, wenn die Betroffenen möchten, natürlich auch privat oder eben innerhalb des CI-Cafés, was ich schon erwähnt habe, dass man da eine Reihe von Betroffenen kennenlernt
00:27:57: Dr. Schicktanz: und dann schon mal Fragen stellen kann.
00:27:59: Katharina Kiecksee: Und zu dem Erstgespräch, komme ich da am besten alleine? Bringe ich meine Angehörigen mit? Wie ist meistens so der Ablauf?
00:28:06: Dr. Schicktanz: Am besten ist es, nicht alleine zu kommen und das machen auch die meisten. Die bringen, also die älteren Patienten bringen ihren Lebenspartner mit oder aber auch die Kinder, weil wenn man vielleicht nicht
00:28:20: Dr. Schicktanz: mehr so beweglich ist, dann kann es sein, dass man auf die Begleitung der erwachsenen Kinder angewiesen ist. Und bei den Familien ist es uns wichtig – das denken manchmal die Eltern gar nicht –, dass wir auch das Kind kennenlernen, also dass sie wirklich am besten als vollständige Familie kommen, weil die ganze Rehabilitation dreht sich zwar offiziell natürlich das versorgte, also das mit CI versorgte Kind oder den CI versorgten Menschen,
00:28:50: Dr. Schicktanz: aber dieses Umfeld ist ja enorm wichtig, weil unser Ziel ist ja, dass da eine Kommunikation, eine möglichst lautsprachliche Kommunikation möglich wird. Und die ist ja nicht nur mit einer Person, sondern die ist ja mit der ganzen Familie oder mit dem ganzen Umfeld. Und bei den Kindern, wenn die dann älter werden, laden wir auch gern die Erzieherin aus der Kita oder, was meistens zeitlich nicht geht, aber die Lehrer aus der Schule ein oder wir gehen in die Schulen und beraten dort, wie die Kommunikation am besten möglich ist und wie auch das Lernen am besten funktionieren kann.
00:29:29: Jan Krawitz: Wir haben jetzt schon gelernt, dass die CI-Versorgung als solche durchaus ein sehr aufwendiger Prozess ist, was eben nicht nur der OP geschuldet ist, die damit verbunden ist und somit sich grundsätzlich unterscheidet von der Versorgung mit einem Hörgerät, wo man ein Hörgerät bekommt, man schaltet es ein, es wird vielleicht noch ein bisschen eingestellt und dann hört man. Das sieht ja grundsätzlich anders aus und nicht nur durch die OP, sondern eben durch eine aufwendige Reha, die notwendig ist. Das heißt, es kommt ganz viel auf das Mitwirken der Patienten an. Welche Rolle spielt in der gesamten Versorgung, aber insbesondere in der Reha, diese Patientenmotivation?
00:30:13: Dr. Schicktanz: Aus meiner Sicht eine ganz große Rolle, weil es eben eine Versorgung ist, die ...
00:30:20: Dr. Schicktanz: Wo man eine lebenslange Beziehung eingeht. Wenn ich glaube, ich bekomme dieses Implantat, das wird eingeschaltet
00:30:29: Dr. Schicktanz: und irgendjemand wird das schon richten, ohne dass ich irgendwas dazu tun muss, dann
00:30:36: Dr. Schicktanz: ist es schwierig.
00:30:38: Dr. Schicktanz: Weil es ist ja ein sehr starker Eingriff in das Leben eines Menschen, je nachdem, aus welcher Hörsituation er gerade kommt und in welcher Lebenssituation er sich befindet. Ja,
00:30:53: Dr. Schicktanz: deswegen ist diese Reha auch so wichtig und
00:30:57: Dr. Schicktanz: man kann das nicht in kurzen Therapiesequenzen abhandeln oder aus meiner Sicht auch nicht
00:31:06: Dr. Schicktanz: diese Reha splitten. Man geht zum Hörakustiker und macht Einstellungen, man geht zum Logopäden und macht Therapie, weil dieses Miteinander der verschiedenen Disziplinen so ganz, ganz wichtig ist für den Menschen, ihn in seinem neuen Hören zu begleiten. Und eben, wenn er selbst keine Motivation mitbringt, also auch eine Ertaubung kann ja einen Menschen in eine tiefe Lebenskrise stürzen
00:31:31: Dr. Schicktanz: und dann ist es mit diesem neuen Hören vielleicht allein noch gar nicht getan, den da wieder rauszuholen. Und da ist es wichtig, dass man da in einem Team zusammenarbeitet aus verschiedenen Fachdisziplinen, ihn zu begleiten in möglicherweise ein ganz neues Leben, damit solche Menschen vielleicht wieder den Mut haben, auch eine Berufstätigkeit aufzunehmen zum Beispiel oder wieder Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen, wo sie sich möglicherweise vorher isoliert haben, weil sie eh nichts verstanden haben und es immer frustrierend war.
00:32:04: Dr. Schicktanz: Und das kann man in einem geschützten Rahmen in der Rehabilitation lernen und auch schaffen und dafür sind viele Menschen sehr, sehr dankbar.
00:32:13: Katharina Kiecksee: Also der Aufwand dieser Reha lohnt sich. Was sind dann Ihre schönsten Momente so in der Reha? Sie sagen, es ist ein langer Prozess, es ist aufwendig.
00:32:23: Dr. Schicktanz: Ja, die schönsten Momente sind natürlich, wenn die Patienten einem erzählen, was sie wieder zurückgewonnen haben in ihrem Leben, was vorher alles nicht mehr ging.
00:32:36: Dr. Schicktanz: Mir fällt ein Spruch ein von einem erwachsenen Patienten, der mal gesagt hat: „Det CI is jut für de gesamte Psyche och.“
00:32:45: Dr. Schicktanz: Also wir begleiten ja Menschen wirklich in jedem Lebensalter, aus verschiedenen Kulturen, aus
00:32:57: Dr. Schicktanz: verschiedenen sozialen Schichten, also einfach das gesamte Spektrum der Menschen, die man sonst auch so kennt. Alle haben ja eine unterschiedliche Art, auch dankbar dafür zu sein, was man bekommt beziehungsweise wieder zurückbekommt. Und gerade bei älteren Menschen ist es ja so, wenn man krank ist, dann
00:33:19: Dr. Schicktanz: kann man sicherlich durch Medikamente, durch Therapien irgendwas wieder so ein bisschen in die Gänge bringen, aber dass man eine echte Funktion, die man verloren hat, wieder zurückbekommt – und das sehe ich beim Hören so, auch wenn es kein natürliches Hören ist, aber viele empfinden es als Geschenk. Und das ist auch das, was mich
00:33:38: Dr. Schicktanz: selbst so motiviert, an diesem Thema dranzubleiben und das schon so viele Jahre zu machen, weil es ein wirkliches Geschenk ist, dieses Hören zu bekommen oder wieder zurückzubekommen.
00:33:52: Jan Krawitz: Wir bitten unsere Gäste, die wir hier in dem Podcast haben, uns ja auch immer ein Lieblingsgeräusch mitzubringen. Das haben Sie auch gemacht und da hören wir einmal kurz rein. [Sprudelgeräusch]
00:34:10: Dr. Schicktanz: Das mag ich gerne, genau. Gerade bei diesen Temperaturen.
00:34:15: Jan Krawitz: Es klingt nach einer Sprudelflasche.
00:34:17: Dr. Schicktanz: Das ist die Sprudelflasche, genau.
00:34:19: Jan Krawitz: Was hat es damit auf sich? Was verbinden Sie mit dem Geräusch?
00:34:23: Dr. Schicktanz: Ach, es ist einfach etwas
00:34:25: Dr. Schicktanz: Erfrischendes.
00:34:29: Dr. Schicktanz: Also vor allem dieses
00:34:30: Dr. Schicktanz: Erfrischende verbinde ich damit. Genau.
00:34:34: Jan Krawitz: Es sind eins der vielen sehr alltäglichen Geräusche, so eine Sprudelflasche. Und das ist ja auch etwas, was wir eben vom CI-Versorgten dann hören, wenn sie eben in das neue Hören reinkommen, dass sie plötzlich wieder ganz viele sehr alltägliche Geräusche, die wir als normal empfinden, plötzlich wieder wahrnehmen und damit das Hörerlebnis jenseits des Sprechverstehens einfach wieder reichhaltiger wird und sie Dinge wieder hören, die sie ganz lange nicht mehr gehört haben.
00:35:04: Dr. Schicktanz: Ja, das muss man manchen auch wirklich erst einmal erklären. Also wenn es ein fortschreitender Hörverlust ist, dann zieht sich der ja oft über eine lange Zeit hin und dass das Gehirn in der Lage ist, etwas zu verlernen, was vorher mal da war, das wissen viele gar nicht. Und wenn sie das dann wieder neu bekommen
00:35:25: Dr. Schicktanz: – das Typische ist ja, dass erwachsene Patienten sagen, das kreischt alles, das zirpt, das zischt.
00:35:33: Dr. Schicktanz: Sie wissen gar nicht, dass sie verschiedene Frequenzen
00:35:39: Dr. Schicktanz: überhaupt gar nicht mehr gehört haben und dass man ein S oder T oder K, dass man das tatsächlich hören kann und nicht nur einfach ergänzt, weil man weiß, dass derjenige jetzt gerade von einer Treppe spricht.
00:35:53: Dr. Schicktanz: Und bei den Kindern ist das ja noch mal ganz anders. Bei den kleinen Kindern,
00:35:59: Dr. Schicktanz: da ist ja oft der sehnlichste Wunsch der Eltern,
00:36:04: Dr. Schicktanz: dass
00:36:06: Dr. Schicktanz: sie dann irgendwann das erste Wort sagen und oft ist das ja noch mal ein ganz, ganz langer Weg bis dahin. Wenn ich ein Kind habe, was
00:36:14: Dr. Schicktanz: mit sechs, sieben, acht Monaten mit einem CI versorgt wird, dann kann es ja noch gar nicht sprechen und dann fängt es möglicherweise erst ganz neu an, wie ein Neugeborenes zu hören. Und da darauf zu schauen, also dass Eltern begleitet werden, darauf schauen zu können und sich darüber freuen zu können, dass dann erstens, dass das CI gerne getragen wird
00:36:37: Dr. Schicktanz: und dass jede Reaktion auf ein Geräusch im Grunde die Basis oder der Motor ist, dann Sprachentwicklung in Gang zu bringen, das ist was ganz, ganz Wichtiges. Und trotzdem wird man Eltern natürlich nicht diesen allergrößten Wunsch, auf den sie so lange warten müssen oder den Erfolg der CI-Versorgung, auf den sie so lange warten müssen, ja, nehmen können,
00:37:05: Dr. Schicktanz: dass wirklich da die ersten Wörter dann kommen, genau, gesprochen werden. Aber das erfordert viel Geduld, ja.
00:37:13: Jan Krawitz: Wir haben uns eben über die verschiedenen Phasen auch der Reha unterhalten. Sie haben uns beschrieben, wie lange das jeweils dauert. Ist Reha irgendwann beendet oder ist das etwas, was mich als Hörgeschädigten und CI-Versorgten
00:37:30: Jan Krawitz: eigentlich ein Leben lang begleitet?
00:37:35: Dr. Schicktanz: Reha im Sinne von Entwicklung, würde ich sagen, begleitet mich ein Leben lang, so wie wir eben auch als nicht Hörgeschädigte ein Leben lang lernen.
00:37:46: Dr. Schicktanz: Aber das, was wir Reha nennen und die Reha-Termine, klar, die müssen irgendwann beendet sein.
00:37:52: Dr. Schicktanz: Aber es kann manchmal möglich sein, dass man in eine Lebenssituation kommt, dass man vielleicht aufgrund von einer Erkrankung das CI nicht nutzen kann und dass man vielleicht dann irgendwann noch mal mit einer neuen Reha startet.
00:38:08: Dr. Schicktanz: Und Reha im Sinne von Lernen kann tatsächlich eben auch noch nach Jahren passieren. Also ich hatte vor vielen Jahren mal eine erwachsene Patientin in der Betreuung, die war im zweiten Lebensjahr an einer Meningitis ertaubt,
00:38:23: Dr. Schicktanz: ist dann mit Hörgeräten groß geworden, die sie eigentlich so gut wie nicht getragen hat. Gebärdensprache durfte keine Rolle spielen. Die kam dann mit 50 zu mir und wollte gerne mit einem CI versorgt werden.
00:38:37: Dr. Schicktanz: Und der Grund für diese CI-Versorgung oder die Motivation für diese CI-Versorgung war, dass ihr jemand erzählt hat: „Es ist so wunderbar, wenn man morgens im Bett liegt am Wochenende, das Fenster ist offen und man hört die Deckel der Mülltonnen zuknallen.“ Das war die Motivation.
00:38:56: Dr. Schicktanz: Und ich dachte: „Mein Gott, was soll ich dieser Frau sagen? Die hat ja gar keine Vorstellung von dem, was Hören ist.“ Und weil sie aber
00:39:08: Dr. Schicktanz: ihr Hören durch Musik hören, also sie hat Musik gehört mit Kopfhörern und auf volle Lautstärke gedreht und dann konnte ihr das sprachlich, wenn man jetzt nicht geschult war, gar nicht so anhören, dass sie nicht gehört hat, dass sie ihre Sprache,
00:39:22: Dr. Schicktanz: ihre Sprachfertigkeiten entwickelt hat, ohne zu hören. Also sie hat eigentlich alles abgelesen.
00:39:28: Dr. Schicktanz: Und ich habe ihr zwar abgeraten, aber sie hat dann doch ein CI bekommen und wir haben auch die Reha zusammen gemacht.
00:39:36: Dr. Schicktanz: Und bei ihr war es so, dass sie, obwohl ich es nie für möglich gehalten hätte, dass sie mal ein offenes Sprachverstehen entwickelt, also eins, wo man auch ohne das Mundbild zu sehen, tatsächlich Sprache verstehen kann. Das hat
00:39:51: Dr. Schicktanz: sie entwickelt, aber erst viele Jahre nach dem Ende der Reha. Deswegen habe ich jetzt so weit ausgeholt, um zu sagen, wenn Reha Entwicklung ist, dann ist Reha nie zu Ende. Aber das, was wir an Reha-Terminen anbieten dürfen, natürlich schon.
00:40:08: Katharina Kiecksee: Was geben Sie dann diesen Patienten, also wenn die offiziellen Termine durch sind, noch mit als Tipp, wie man zu Hause und selber weiter trainieren kann?
00:40:17: Dr. Schicktanz: Das A und O ist natürlich Kommunikation überhaupt, also sich mit anderen Menschen treffen, sich den unterschiedlichsten Kommunikationssituationen auszusetzen,
00:40:28: Dr. Schicktanz: finde ich, das ist das Allerwichtigste und dann aber auch Hörstrategien oder Strategien zu entwickeln, zu sagen, wenn ich nicht verstehe, also für sich zu sorgen, damit ich die Chance habe, bestmöglich zu verstehen.
00:40:43: Dr. Schicktanz: Und was natürlich immer geht und was Erwachsene auch viel machen oder auch junge Leute, sich zum Beispiel mit dem Handy zu verbinden oder Podcasts zu hören oder Hörbücher zu hören und sich das auf das CI zu streamen
00:41:02: Dr. Schicktanz: oder sich auch vor den Lautsprecher zu setzen oder auch Fernsehen zu gucken, also einfach zu hören. Und zwar das, was Spaß macht und sich vielleicht auch an Sachen irgendwann heranzuwagen, die man schon lange nicht mehr gehört hat, also unter anderem auch wieder Musik zu hören.
00:41:18: Katharina Kiecksee: Also einfach machen, hören und sich herantrauen, auch an Situationen, die man vorher vielleicht gemieden hat. Kann ich denn auch zu viel machen?
00:41:28: Dr. Schicktanz: Zu viel machen im Sinne von,
00:41:31: Dr. Schicktanz: wenn ich Hören nicht als lustvoll erlebe, sondern eigentlich denke, das ist immer nur Training. Also
00:41:41: Dr. Schicktanz: wenn ich das jetzt mit Sport machen vergleiche, also wenn mir Sport machen keinen Spaß macht, dann ist es Quatsch, glaube ich, jeden Tag zum Sport zu gehen. Dann muss ich mir was suchen, was mir Spaß macht und vielleicht was auch mit Bewegung zu tun hat. Und so würde ich das fürs Hören lernen auch verstehen.
00:41:58: Dr. Schicktanz: Ich glaube, jeder Mensch lernt am besten die Dinge, die Spaß machen und das soll es fürs Hören ganz genauso sein.
00:42:05: Jan Krawitz: Vielen, vielen Dank, dass Sie uns heute diese Einblicke in das Thema Reha gegeben haben. Sie haben gesagt, das Lernen hört nie auf. Deswegen laden wir auch unsere Hörer ein, immer weiter zu hören. Vielleicht auch diesen Podcast. Das heißt, liebe Hörerinnen und Hörer, wenn Sie heute reingehört haben, bleiben Sie dabei. Wir freuen uns, wenn Sie die weiteren Folgen ebenfalls hören und abonnieren. Frau Dr. Schickdanz, vielen, vielen Dank, dass Sie heute da waren.
00:42:29: Dr. Schicktanz: Ich danke auch für die Einladung. Dankeschön.
00:42:37: Katharina Kiecksee: [Musik spielt] Wenn Ihnen diese Folge gefallen hat, abonnieren Sie den Kanal hier bei YouTube und überall dort, wo es Podcasts gibt, und lassen Sie uns auch gerne eine Bewertung da. [Musik spielt]
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